Koreanischer Chor Berlin

Das berühmteste Volkslied Koreas, 'Arirang', gibt es in den verschiedensten Versionen – aber immer geht es darin um eine unglückliche Liebe. Ein Mädchen weint um seinen Liebsten, der sie verlassen hat. Das Lied ist die inoffizielle Nationalhymne Koreas und wird bei allen möglichen Gelegenheiten gesungen.

Nicht irgendein Lied

"Arirang" kennt in Korea jeder

Arirang ist das mit Abstand bekannteste koreanische Volkslied, mit unzähligen lokalen Variationen. Von diesem wunderschönen Volkslied, das 1896 zum ersten mal schriftlich erwähnt wurde, gibt es keine festgeschriebene Form. Allerdings enthalten alle Variationen den Refrain Arirang, Arirang. Die Arirang-Lieder (wie  Jindo Arirang, Gangwon-do Arirang und Miryang-Arirang) wurden bis in die Zeit der japanischen Besatzung (1905-1945) fast ausschließlich mündlich überliefert. Mit der Besatzungszeit hat sich die europäische Notenschrift auch in Korea etabliert und verschiedene Arirang-Versionen wurden erstmals aufgeschrieben.

Das Lied Arirang ist tief verwurzelt in der koreanischen Geschichte und Gegenwart. Einer der ersten koreanischen Filme von 1926 hieß so – ein nationalistischer Widerstandsfilm gegen die japanische Besatzung. Arirang wurde bei öffentlichen Auftritten des ersten koreanischen Präsidenten Südkoreas Rhee Syng-man (Regierungszeit 1948-1960) nach dem 2. Weltkrieg gespielt; koreanische Athleten aus beiden Landesteilen betraten das Olympiastadion in Sydney 2000 zu dieser Musik. Heute ist Arirang die inoffizielle oder gemeinsame Nationalhymne des geteilten Landes und gilt als Symbol der Harmonie. 2012 nahm die Unesco es in die Liste des immateriellen Weltkulturerbes auf. Das Lied reflektiert nicht nur die Geschichte Koreas sondern auch das private Leben der Koreaner. Es ist ein Lied, das wirklich jeder kennt und das bei allen möglichen Gelegenheiten gesungen wird – egal, ob der Anlass fröhlich oder traurig ist.

Der Koreanische Chor aus Berlin singt das Miryang-Arirang aus der gleichnamigen Stadt in der Provinz Jeongseon im Süden des Landes. Es ist eine schwungvolle Variante im Dreivierteltakt, mit der Betonung auf dem ersten Schlag, wie bei einem Walzer:

Koreanischer Chor Berlin "Arirang"

 

"Arirang, Arirang, Arariyo / Ich überquere den Arirang-Pass / Wer mich verlassen hat / Wird keine zehn Li gehen / Bevor ihn seine Füße schmerzen."

(Längenmaß 1 Li = ca. 400 Meter)

Die Musik

Minyo - Lieder vom Volk und Lieder fürs Volk

Minyo heißt auf deutsch "Volkslied" - aber eigentlich müsste man sagen: "Volkslied" heißt auf koreanisch und japanisch Minyo. Mori Ogai, der große japanische Dichter, hat von 1884 bis 1888 in Berlin studiert und hier offensichtlich  neben der Universität auch deutsche Musik kennen gelernt. Das Wort "Volkslied" übersetzte er 1913 mit dem japanischen Lehnwort Minyo, das sowohl japanische als auch koreanische Folklore bezeichnet. Minyo sind Lieder über vergangene Zeiten, ohne bekannte Komponisten, und man weiß auch nicht, wann sie überhaupt entstanden sind. Manche Koreaner nennen diese Lieder deshalb auch einfach nur  "Lieder aus der alten Zeit".

Tiefe Emotionen und einfache, klare Sprache

Meistens geht es um tiefe Emotionen wie Resignation und Optimismus, um das einfache Leben, das Schicksal (Han), garstige Regierende und um die Liebe. Dabei wird eine einfache, klare Sprache gewählt, die sagt, wie es ist und Punkt. Trotz Armut, Hunger und brutaler Herrschaft bleibt aber auch immer etwas Hoffnungsfrohes in den Liedern. Die harten Jungs auf dem Felde träumten von schönen Mädchen und besangen diese in aller Form. Sie hatten keine Bildung und waren moralisch viel freier als die oberen Zehntausend. So gaben sie sich unverblümt ihren Phantasien hin, denn sie lebten als Arbeiter in der Regel lange unverheiratet und träumten deshalb umso heftiger von der großen Liebe.

Stehend gesungene Lieder und Arbeitslieder

Es gibt zwei grundlegende Unterscheidungsmerkmale der Minyo: zum einen, wo sie herkommen (je nach Quelle sind das drei oder fünf Regionen wie der Nordwesten und der Süden oder der Raum um Seoul) und zum anderen, in welchem Zusammenhang sie gesungen wurden. So gab es "stehend gesungene Lieder" (ipch'ang) und Arbeitslieder (p'ansori, san-t'aryŏng) - letztere sogar je nach Arbeitseinsatz in unterschiedlichem Vortragstempo. Pflanzlieder oder Lieder zum Umpflanzen der Reissprösslinge beispielsweise gab es in langsamem oder schnellen Vortragstempo - je nachdem, was gerade angezeigt war. Die "stehend gesungenen Lieder" wurden immer schon von umherziehenden Sängertruppen aufgeführt. Erst sangen sie buddhistische Lieder, griffen dann aber auch mehr und mehr das ländliche Repertoire auf, das sie teilweise verfeinerten, und das dann wiederum vor Ort von den Feldarbeitern in ihrer neuen Form gesungen wurde. 

Nach Jahren der Vergessenheit folgte in den 70er Jahren ein Revival

Nach der Zeit der japanischen Besatzung (1910-1945) und dem Koreakrieg (1950-1953) verloren die Arbeiterlieder immer mehr an Bedeutung. Zugleich verdrängte klassische europäische Musik zeitweise die traditionelle koreanische Musik. Außerdem brachten in den 50er Jahren Priester aus den USA und Eurasien ihre Musik mit, die sich ebenfalls etablierte. In den 70er und 80er Jahren gruben die Studenten die alten Lieder aber wieder aus und schrieben ihre Protesttexte für mehr Demokratie auf die vorhandenen Melodien, weil jeder sie singen konnte, und verpassten dieser Musik damit ein Revival. Seit den 90er Jahren gibt es Minyos auch in einer Pop-Version mit westlichem Schlagzeug, E-Gitarre und Synthesizer. 

Schon im ersten Jahrtausend fanden Bildungsreisen statt

Die Entwicklung der Musik in Korea ist stark geprägt durch die seiner Nachbarländer China und Japan. So gab es im ersten Jahrtausend einen intensiven politischen und kulturellen Austausch mit China. Ganze Delegationen von Literaten, Bildhauern, Musikern, Priestern und Ärzten reisten hin und her. So ist es nicht verwunderlich, dass die koreanische Musik zuerst in chinesischen Länderbeschreibungen auftaucht.

Die Musik hatte in Korea immer einen hohen Stellenwert. Es gab sogar in der Yi-Dynastie vor 1457 allein fünf staatliche Institutionen für musikalische Fragen in Sachen rituelle Musik, höfische Bankettmusik, Musik für militärische Prozessionen aber auch für besondere Empfänge (zum Beispiel für wichtige Chinesen). 

Koreanischer Chor Berlin "Go Hyang Yui Bom"

 

"Meine Heimat / Dort blühen so viele Blumen / Aprikosenblüten, Kirschblüten, Forsythien"

Der koreanische Musiker Lee Won-Su komponierte Go-Hyáng-Eu ("Frühling in der Heimat" 1924 während der japanischen Besatzung (1910-1945). Das Lied klingt so europäisch, weil es zu dieser Zeit Mode war, sich an europäischer Musik zu orientieren. „Frühling in der Heimat“ ist ein Heimatlied im wörtlichen Sinn. Der Text beschreibt die Erinnerung an die Schönheit der Heimat im Frühling und das Heimweh, das viele Koreaner in dieser Zeit verspürten. Der vermeintlich harmlose Text richtete sich jedoch unterschwellig gegen die Okkupation. In der Zeit nach der Besatzung, nach dem Koreakrieg und der Teilung des Landes wurden dieses und vergleichbare Heimatlieder in den Schulunterricht aufgenommen. Viele unserer Sängerinnen, die in den 60er/70er Jahren nach Deutschland kamen, kennen das Lied noch aus ihrer Schulzeit.

Die Chöre

Der Koreanische Chor Berlin und seine Schwestern

Insgesamt rund 18.000 Bergleute und Krankenschwestern aus Südkorea zogen ab 1963 im Rahmen eines Anwerbeabkommens für jeweils 3 Jahre nach Deutschland. Erstens machte die Nachkriegsarmut in Korea vielen das Leben schwer, zweitens  fehlte es in Deutschland an Bergarbeitern und Krankenschwestern. Seit 1980 durften sie bleiben, und so gibt es heute über 50.000 Menschen mit koreanischen Wurzeln in Deutschland. 

Wie andere Migranten auch brachten die Koreaner Musik aus ihrer Heimat mit. Und längst gibt es viele Chöre, in denen dieses Kulturgut intensiv gepflegt wird. In unserem Heimatlieder-Projekt sind wir schon mit vier Chören aus verschiedenen Städten aufgetreten: mit dem koreanischen Chor aus Berlin, aus Köln, aus Hamburg und aus München. Deshalb kennen wir natürlich auch vier Versionen des nationalen Lieblingsvolkslieds Arirang.

Den Koreanischen Chor Berlin, der auf unserem ersten Heimatlieder-Album und hier zu hören ist, haben sieben Frauen aus Sehnsucht nach Korea im Jahr 2002 gegründet. Inzwischen sind sie fast 20 Sängerinnen, die koreanische sowie europäische Volks- und Kunstlieder singen. Auf der Bühne tragen sie die traditionelle koreanische Tracht Hanbok - fröhlich bunte, bodenlange Kleider mit kurzen Jacken und großen Schleifen. 

 

 

Quellen:

Korea – Einführung in die Musiktradition Koreas; Hg.: Wolfgang Burge, Internationales Institut für vergleichende Musikstudien und Dokumentation Berlin; Mainz 1985

Music in Korea – Experiencing Music, Expressing Culture; Donna Lee Kwon; New York 2012

Creating Korean Music: Tradition Innovation and the Discourse of Identity (Perspectives on Korean Music Volume 2); Keith Howard; Bodmin/Cornwall 2006

Preserving Korean Music: Intangible Cultural Properties as Icons of Identity; Keith Howard; Bodmin/Cornwall 2006

Korean Musicology Series 1. Music of Korea; Hg. Chul-Ho Kim, Byong Won Lee, Yong-Shik Lee; The National Center for Korean Traditional Performing Arts; Korea  2007