Ein Traum von Weltmusik

Mit solchen Begeisterungsstürmen haben wir wirklich nicht gerechnet, aber: sie waren so was von verdient! Nach dem letzten Ton vom Canto Ostinato im Berliner HAU1 erst atemlose Stille, dann tosender Applaus und Füßetrampeln. Und auf der Bühne: überglückliche Musiker, die die meisterhafte Komposition des Niederländers Simeon ten Holt eine Stunde lang völlig neuartig interpretiert haben: Benjamin Wahlbrodt (Cello), Raphael Meinhardt (Marimbafon), Valentin Butt (Akkordeon), Daniel Pircher (portugiesische Gitarre) und Njamy Sitson (Konga und Gesang). 

"Eine großartige Vorführung des Canto Ostinato" (Berliner Zeitung)

Damit endete unser Mini-Festival "Ein Traum von Weltmusik", das sich an zwei Tagen mit Vorträgen und Konzerten dem Thema Weltmusik widmete. Am Freitag gab es eine Werkseinführung von Mark Terkessidis, bevor der große britische Musikologe David Toop in einem "wunderbar poetischen Vortrag" (Berliner Zeitung) half, die Weltmusik in verschiedene Kontexte zu stellen. Was viele nicht wissen: Der Begriff Weltmusik ist eine deutsche Erfindung. Der Autor Dieter Schnebel benutzte ihn erstmals 1972 anlässlich der Kunstausstellung zu den Olympischen Spielen in München. Kurz darauf plädierte Karlheinz Stockhausen für eine Sammlung von Folklore und die gleichzeitige Erarbeitung einer neuen künstlichen Folklore. So weit so gut!

Auf die Theorie folgte Praxis, und das Heimatlieder-Orchester zeigte, dass es vielseitiger und neugieriger ist, als man vielleicht denken wollte. Es interpretierte Werke von Karlheinz Stockhausen, Grete von Zieritz, Peter Michael Hamel und Hans Otte. Erarbeitet hatten die Musiker*innen sie seit Ende Januar. Damals hatten Jochen Kühling und Mark Terkessidis dem Heimatlieder-Ensemble, das ja mit nach Deutschland eingewanderten Liedern bekannt geworden ist, die Idee für dieses Weltmusik-Projekt präsentiert und zunächst für Verwirrung gesorgt. Manche stiegen sofort aus, andere sprangen mutig direkt rein. Was dabei herauskam, war europäische Weltmusik auf höchstem Niveau. Zwischen sperrigen Stockhausen-Stücken und hitverdächtigen Interpretationen von beispielsweise "Komm noch einmal Part 1 und 2" der Österreicherin Grete von Zieritz.

Jetzt müssen wir uns erstmal sammeln. Bald hier mehr Infos. Bilder vom Freitag gibt es schon im Fotoalbum. Pressestimmen hier

François Tusques – Von Musikhunden und Barmusik

Da saß er, der große Meister. Neugierig und entspannt. Der Mann, der für den Free Jazz in Frankreich Pionierarbeit geleistet hat wie kein anderer. Der erst in Bars, und dann mit allen Großen des Jazz zusammen gespielt hat und zahlreiche großartige Platten aufgenommen hat, wie etwa "Le Musichien", Musikhund, die mitunter stark geprägt sind von afrikanischen, katalonischen und bretonischen Einflüssen: François Tusques. Lässig und verschmitzt erzählte er im Gespräch mit Mark aus einem aufregenden, bewegten Leben. Das Publikum war begeistert und löcherte Monsieur Tusques auch in der Pause noch mit Fragen, während er fröhlich und geduldig CDs und Vinyl-Platten signierte. Was für ein Superstar! Merci beaucoup. C'était un grand plaîsir.

Die Künstlerin Jutta Koether

Jutta Koether ist vieles: Performancekünstlerin, Musikerin, Malerin, Kritikerin und Theoretikerin. Seit 2010 hat sie eine Professur für Malerei und Zeichnen an der Hochschule für Bildende Künste, Hamburg. Sie wird heute Abend im HAU eine Präsentation halten mit dem Titel: Von Klanggewändern, untröstlicher Freiheit, Erwartungsgestrüpp, freier Ordnung"

Das Heimatlieder-Orchester und alle, die dazu gehören:

Musikalische Leitung: Jochen Kühling – David Beck (Gitarre, Arrangements) – Daniel Pircher (Gitarre, Arrangements); Ensemble: Pedro Abréu (Geige, Maracas), Youssef Belbachir (Gesang, Qarqaba), Redha Bendib (Vibraphon, Darbuka), Valentin Butt (Akkordeon), Phương Đào (Monochord, vietnamesische Zither), Bashar Ismail (Oud, Baglama), Rafael Martinez (Kontrabass), Mokhtar Mechai (Gitarre, Gesang), Raphael Meinhard (Marimba), Milhoud Messabih (Vibraphon, Darbuka), Debjit Pahari (Tabla), Njamy Sitson (Gesang), Katarina Stupar (Gesang), Sandra Stupar (Gesang), Teodora Stupar (Gesang), Benjamin Walbrodt (Cello). Fotos/Dokumentation: Melanie Stegemann – Schnitt: Mattheo Fischer. Produktion/Realisation: Jochen Kühling – Co-Produzent: Johann Damm. Idee: Jochen Kühling und Mark Terkessidis

 

Die Vorträge und die gespielten Stücke der Reihe nach:

Freitag, 23. Juni 2017 – Ein Traum von Weltmusik #1

Vorträge:

Mark Terkessidis: "Weltmusik aus Deutschland – Über Spielplätze, Vergessen, Wagnisse und Öffnung als Suche nach der eigenen Version" 

David Toop: "The World is unsound – World Music, New Age and the Problem of who we are"

Musik:

Karlheinz Stockhausen: "Richtige Dauern"

Hans Otte: "Das Buch der Klänge"

Karlheinz Stockhausen: "Aufwärts"

Grete von Zieritz:"Japanische Lieder" – "Fern von dir", "Rückblick", "Sommerduft", "Komm noch einmal Part 1 + 2"

Karlheinz Stockhausen: "Verbindung"

Peter Michael Hamel "Let it play"

Zugabe: Bashars Bağlama (Heimatlieder aus Deutschland-Orchester)

 

Samstag, 24. Juni 2017 – Ein Traum von Weltmusik #2

Vortragsperformance:

Jutta Koether: "Pique-Nique – Von Klanggewändern, untröstlicher Freiheit, Erwartungsgestrüpp, freier Ordnung" 

Gespräch:

Mark Terkessidis im Gespräch mit François Tusques über Free Jazz, das Intercommunal Free Dance Music Orchestra und die Improvisation der Welt heute. Übersetzung: Monika Woltering

Musik:

Simeon ten Holt: "Canto Ostinato"